Anna Till

ZEITGENOSS*INNEN - Contemporary Witnesses in Dance

In Rekonstruktionsprozessen tanzhistorischer Aufführungen spielt die Befragung von Zeitzeug*innen in der Regel eine besondere Rolle, verbürgt ihre Anwesenheit doch eine besondere Glaubwürdigkeit. Aber jede Erinnerung hat Lücken. Ehemalige Tänzer*innen erinnern sich häufig nur an Ausschnitte einer Choreografie, da sie als Mitwirkende auf der Bühne das Stück nicht in Gänze erfassen konnten. Oder sie sind heute rein körperlich nicht mehr in der Lage, die Choreografie von damals noch einmal zu tanzen.

Der Gegenstand der Erinnerung ist daher immer auch vom Vergessen sowie von der Unmöglichkeit einer vollständigen Wiedergabe geprägt. Angesichts solcher Verluste stellt sich die Frage, was und wie genau Zeitzeug*innen zu übermitteln vermögen und in welchem Verhältnis das Erinnerte zu anderen Aufführungsfragmenten wie Fotos, Videoaufnahmen oder Skizzen steht. Anhand künstlerischer und wissenschaftlicher Perspektiven sowie der Diskussion von Projektmaterialien wie undo, redo and repeat (Christina Ciupke/Anna Till) und The Source Code (Jochen Roller) wird dem ‚Wert‘ oraler und physischer Weitergabe vergangenen Tanzwissens durch ehemalige Zeit-Genoss*innen nachgegangen.


In the reconstruction processes of historical dance performances, questioning contemporary witnesses plays a special role, because their presence at the time vouches for particular credibility. But every memory has gaps. Former dancers often recall only parts of a choreography since, as participants on stage, they were not able to grasp the piece as a whole. Or they are today no longer able to again dance the past choreography for purely physical reasons.

The object of memory, then, is always also characterized by forgetting and the impossibility of complete rendition. In the light of such losses, questions arise as to what and how contemporary witnesses can relate, and in which relationship recollections stand with other performance fragments such as photos, video recordings, or sketches. Based on artistic and scientific perspectives and the discussion of project materials including undo, redo and repeat (Christina ciupke/Anna till) and the source code (Jochen roller), the ‘value’ of oral and physical accounts of past dance knowledge given by former contemporaries is examined.