Anna Till

Ein polygones Objekt bewegt sich durch die Stadt. Aus Schaumstoff, von innen bewegt, von außen beobachtet, erkundet es den Sonnenberg in Chemnitz. Verschwunden darin: der Körper der Tänzerin und Choreografin Anna Till.
Als Mensch nicht mehr erkennbar, wirkt das Wesen komisch. Es gehört nicht hierher.
Von Hauswand zu Hauswand, von Kante zu Wiese zu Treppe zu Mülleimer zu Parkbank - bewegt es sich. Ihres Sehsinns beraubt, ertastet die Performerin ihre Umgebung. Das Material, der Schaumstoff, der sie umgibt, ist dabei eine zweite Haut, die Schutz bietet aber auch den Kontakt nach Außen erschwert. Tastsinn ist der Sinn, der uns in der Welt verortet. Indem Anna Till Informationen über das Tasten aufnimmt, erkennt sie die Temperatur einer Oberfläche, fühlt ob diese weich oder hart ist und in welcher Distanz sie sich zu jener befindet. Mithilfe des Tastens setzt sie ihren Körper in Bezug zu dessen Umfeld.

 

Im Rahmen der Dialogfelder 2020 Von Sinnen widmest Du Dich dem Tastsinn: Gibt es dabei Impressionen, die Du vor allem aus dem Sonnenberg zieht? Um welche handelt es sich konkret? Wie finden sich diese in Deiner Arbeit wieder?

Anna: "Tastsinn ist der Sinn, der mich in der Welt verortet. Indem ich Informationen über das Tasten aufnehme, erkenne ich die Temperatur einer Oberfläche, fühle ob diese weich oder hart ist und in welcher Distanz ich mich zu einem Objekt befinde. Das ist erstmal unabhängig von der genauen Umgebung. Mithilfe des Tastens setze ich meinen Körper in Bezug zu dessen Umfeld. Das ist für mich entscheidend. Den Körper quasi in das Zentrum zu rücken und zu positionieren. In diesem Fall im Sonnenberg. Wo gehe ich schnell vorbei? An welcher Stelle möchte ich verweilen? Welche Oberflächenstrukturen sind mir vielleicht noch nie aufgefallen? Welche Ecken und Kanten bieten Raum um den Körper daran anzupassen, sich darin zu verkriechen? Welche Flächen sind weit und groß, so dass sie als Bühne genutzt werden können?"

Kannst Du uns einen kleinen Ausblick auf die entstehende Arbeit geben? Auf was dürfen sich Besucher:innen der Präsentationswoche vom 31.10. bis 06.11. freuen?

Anna: "Ich möchte bei den DIALOGFELDERN etwas probieren, dass ich noch nie gemacht habe. Normalerweise zeichnet sich meine Arbeit durch Minimalismus, Genauigkeit und künstlerischen Dialog aus; außerdem produziere ich überwiegend Stücke für die (Theater-)Bühne. Dieses Mal gehe ich in den Stadtraum und beschäftige mich intensiv mit einem speziellen Material: Schaumstoff. Ich habe mir quasi ein übergroßes Kostüm als  Perfomance-Partner gesucht. Das Objekt besteht aus unterschiedlichen Polygon-Formen (Konzeption und Konstruktion: Tobias Eisenkrämer) und ist ein bisschen größer als ich. Ich befinde mich innerhalb des Objektes, mein Körper verschwindet also fast komplett, bewegt aber von innen das Material. Außerdem gibt es mehrere Löcher, die ich nutze, um dem Schaumstoffwesen Arme, Beine und Kopf zu geben. Auf diese Weise erstaste ich die Stadt, den Sonnenberg."

Du bist nun seit einigen Wochen in Chemnitz (unterwegs):
Wie sind Deine Eindrücke von der Stadt? Ist Dir irgendwas bestimmtes aufgefallen? Warum? Welche Unterschiede siehst Du dabei z.B. zu Deiner Heimatstadt Dresden?

Anna: "Chemnitz, das ist für mich vor allem: Viel Platz haben. Breite Straßen, große Häuser, wenig Menschen. Das lässt viel Freiraum. Ich bin ziemlich beeindruckt von all den unterschiedlichen kulturellen Initiativen, die diesen Raum nutzen um die vielfältige Subkultur zu gestalten und dabei immer einen starken Bezug zur Stadtgesellschaft Chemnitz suchen. Im Gegensatz zu Dresden, das in den letzten Jahren nahezu totsaniert wurde und überwiegend sein Barock-Erbe pflegt, sind in Chemnitz stilistische Brüche sichtbar. Ich werde viel mehr an die DDR-Vergangenheit erinnert, durch bestimmte Gebäude oder Denkmäler aus dieser Zeit. Das genieße ich auf eine eigenartige Weise. Es gibt nicht ein Bild, eine Ästhetik von Chemnitz. Chemnitz ist wie ein Puzzle bei dem mit der Zeit einzelne Puzzleteile verloren gegangen sind und durch neue ersetzt wurden. Ein Cluster ohne Zentrum."

(Interview mit Philipp Köhler, Klub Solitaer, Chemnitz)


A polygone object is moving through the city. Made from rubber foam, moved from the inside, watched from the outside, it is exploring the Sonnenberg district in Chemnitz. Hidden inside: the dancer`s and choreographer`s body.
No longer recognizable as a human being, the creature looks uncanny. It does not belong here.
From wall to wall, from edge to lawn, to stairs, to waste garbage can, to park bench it moves. The material, the rubber foam, which surrounds her, functions as a second skin, which grants protection, but also impedes the contact to the outer world. By collecting information by touch, Anna Till recognizes surface temperatures, feels whether objects are soft or hard and at which distance she is from them. By touching, she puts her body in relation to its surroundings.